Das Wildkarpfenprojekt am mittleren Oberrhein

12.04.2019 17:07

Bereits im Jahr 2017 wurde während eines Treffens der am Wildkarpfenprojekt beteiligten Angelvereine im Vereinsheim des AV Linkenheim mit dem Fischereireferenten des Regierungspräsidium Karlsruhe, Herrn Dr. Frank Hartmann, die Idee für das Projekt geboren. Auf Vorschlag des Gewässerwartes vom  Anglerverein Linkenheim (Udo Metz), wurde die Idee aufgegriffen und fand schnell die Zustimmung der anwesenden Vereine und des Vertreters des Regierungspräsidiums Karlsruhe. Mit der Sportfischervereinigung Eggenstein, den Anglervereinen aus Hochstetten und Leopoldshafen war das fachkundige Quartett perfekt.

Vom Aussterben bedroht

Der Wildkarpfen ist laut der „Roten Liste“ zurzeit vom Aussterben bedroht. Zogen noch in den 70er / 80er Jahren des letzten Jahrhunderts große Schwärme von den unverwechselbaren, langgestreckten, vollbeschuppten Karpfen zum Laichen in die Seitengewässer, so sucht man diese Exemplare heute meist vergebens.

In der Regel bereits Anfang April und schon Wochen vor den konkurrierenden Zuchtkarpfen beginnen die Wildkarpfen mit ihrem Laichgeschäft. Leider wurde in der Vergangenheit die erfolgreiche Vermehrung dieser Fische immer weiter erschwert. Das Ausbleiben von andauernden Überflutungen der Laichreviere im Frühjahr, bedingt durch die schneearmen Winter, ist ein Grund der immer kleiner werdenden Population. Das stetige Verlanden und Verschlammen der Gewässer, gepaart mit dem extrem hohen Fraßdruck der zahlreichen Kormorane, sind weitere Faktoren für die Gefährdung des Wildkarpfenbestandes im Rhein und seinen Auen.

Zahlreiche Bestandserhebungen (E-Geräte, Netze, Reusen) im System Rheinniederungskanal ergaben, dass auf ca. 500 – 600 einjährige Rotaugen nur ein Karpfen kommt! Wenn diese im Verhältnis sehr wenigen Exemplare dann den fischfressenden Kormoranen zum Opfer fallen ist die Geschichte schnell erzählt. Eine große, sich selbst reproduzierende Population mit funktionierender Rekrutierung scheint dann nahezu ausgeschlossen zu sein.

Interessant bei dem Brutaufkommen der Karpfen in freier Wildbahn ist die Tatsache, dass aus 95% der Nachkommen Schuppenkarpfen werden, circa 4% reifen zu Spiegelkarpfen und 1% werden als Streuschupper („fully scale“) abwachsen, welche bei den Karpfenangler sehr begehrt sind.

Zu Beginn der Planung des Projektes musste ein Fischzüchter gefunden werden welcher bereit war die von uns gefangenen Laichkarpfen abzuholen, zu hältern und sie fachgerecht abzustreifen und die Nachkommen bis zu einer kormoransicheren Größe aufzuziehen. Es gelang uns Herr Edmund Schwarzmann aus Gremsdorf für unser Projekt zu gewinnen, dem wir an dieser Stelle herzlich danken möchten.

Mehr Rückschläge als befürchtet

Ende März 2018 fiel der Startschuss. Der Rheinniederungskanal wurde von Frank Boley (AV Linkenheim) täglich angefahren um die Wassertemperatur zu messen und um etwaige Laichwanderungen der Fische zu erkennen. Doch trotz idealen Bedingungen von 16 -17 C° wollten die Fische nicht so richtig in Gang kommen. Lediglich eine kleine Gruppe Wildkarpfen konnte aufgrund der guten Gewässerkenntnis lokalisiert werden.

Wohl wissend, dass die Zeit drängt, zogen wir mit 9 Mann und dem Zugnetz bewaffnet gegen 5 Wildkarpfen in die Schlacht. Um es kurz zu machen: Es war ein totales Desaster. Am Ende der Befischung hatten wir außer vollgelaufenen Wathosen die Gewissheit, dass Karpfen über und aus Netzen herausspringen können, selbst die kleinsten Schlupflöcher zu nutzen wissen und wir mit dieser Methode quasi chancenlos sind. Nach Stunden der Arbeit fiel das Ergebnis ernüchternd aus; ein Weibchen, das aufgrund der warmen Witterung aber schon abgelaicht hatte machte den Fehlschlag perfekt.

Es musste eine neue Strategie her. Zugnetz sowie Reusen waren wirkungslos und das Kiemengarn aufgrund der hohen Verletzungsgefahr auszuschließen. Es blieb nur noch der Griff zur Rute, was gleichzeitig auch eine sehr schonende Methode des Fischfangs ist. Von nun an wurden unzählige Stunden damit verbracht den schlanken Torpedos nachzustellen. Vorab ist ein großes Dankeschön an den „M&R Tackle Shop“ fällig. Der Angelgerätehändler um Thorsten Meier und Marc Reister gab uns spontan die Zusage das Projekt mit Kräften zu unterstützen.

Der Erfolg der Angler stellte sich auch alsbald ein. Neben einigen Beifänge, die nicht ins Raster des Wildkarpfen passten, gelang es uns den ein oder anderen „Wilden“ über den Kescher zu ziehen. Leider hatten alle gefangenen Fische schon abgelaicht und so musste das Abstreifen der Fische von unserem Fischzüchter, nach Rücksprache mit dem RP, auf 2019 verschoben werden.

Fischereibehörde übernimmt Großteil der Kosten

Geplant und behördlich genehmigt ist die Aufzucht von ca. 1000 - 1200 kg Wildkarpfen und sie frühestens im Herbst 2020 als K2 in den Rheinnebengewässer der beteiligten Angelvereine zu besetzen. Die Projektkosten in Höhe von € 12.500 werden größtenteils durch die Fischereibehörde aus Mitteln der Fischereiabgabe bezahlt, lediglich ein Eigenanteil wird auf die teilnehmenden Vereine umgelegt.

Auch die Fischereiforschungsstelle ist mit an Bord

Die Fischereiforschungsstelle (FFS) des Landes Baden-Württemberg ist ebenfalls auf unser Projekt aufmerksam geworden und beteiligt sich derzeit mit Genuntersuchungen aller gefangener Fische. Die aus der Zwischenhaltung entnommen Karpfen werden biometrisch vermessen, gewogen und einer abschießenden Gewebeprobe unterzogen. Die FFS möchte Erkenntnisse erlangen in wie weit die schlanken Rheinkarpfen noch genetisch rein sind oder ob sich die Population längst mit den sogenannten Zuchtkarpfen vermischt hat.

2018 konnten an zwei Terminen insgesamt 31 Karpfen beprobt werden. Sowohl unser Fischzüchter Schwarzmann als auch das Team von der Forschungsstelle Langenargen waren von unseren Fischen begeistert und erklärten, dass man solche lebenden Exemplare heute nur noch extrem selten in dieser Qualität zu Gesicht bekommt. Selbstverständlich wurden alle beprobten Fische nach der fachgerechten Behandlung wieder unverletzt in ihre Ursprunggewässer zurückgesetzt. Die Untersuchungen und Bestandserhebungen werden auch im Jahr 2019 fortgeführt und alle Beteiligten sind auf die Ergebnisse mehr als nur gespannt. Selbstredend erfüllt es uns mit Stolz, dass wir Angler dem Artenschutz in der Form gerecht werden können und zeitgleich noch der Forschung dienlich sind.

Ein erstes Fazit lässt sich schon jetzt ziehen, denn schlanke und nudelholzförmige Fische sind sehr, sehr selten geworden. Die überwältigende Mehrzahl an gefangenen Karpfen waren Exemplare die schon den berühmten Knick aufwiesen oder schon eindeutig der Zuchtform zuzuordnen waren. Wir hoffen mit unserem Engagement die Zukunft dieser noch vor 30 -40 Jahren zahlreich vorkommenden Karpfenform fördern und im besten Fall erhalten zu können.

Ganz egal ob genetisch rein oder nicht.

Das „Wildkarpfenteam“ möchte sich abschießend nochmals explizit beim M&R Tackle Shop für die tatkräftige Unterstützung bedanken. Ein großes Dankeschön möchten wir auch an Dr. Frank Hartmann und Stephan Hüsgen vom Regierungspräsidium Karlsruhe richten und werden die Leser auch weiterhin über die Fortschritte und Entwicklungen informieren.

Udo Metz

Marco Senftleben

Wildkarpfen

Die ersten Versuche mit Netzen scheiterten kläglich

Erzeugnis aus einer natürlichen Reproduktion

Ein regelrechter Torpedo

Das Team um das Widlkarpfenprojekt


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