Bis zum Regenbogen

17.03.2014 16:12 | Stories aus dem Carp Camp

Oktober 1985, es ist mein zweites Angeljahr. Das Wetter ist alles andere als gut und meine Ausrüstung für diese Session ist sehr bescheiden. Zwei Wochen hatte ich an einer Schilfkante vorgefüttert. Wo sich sonst Badegäste tummelten war nun Ruhe eingekehrt. Die meisten Vereinsmitglieder hatten ihr Angelzeug schon im Keller verstaut und so hatte ich den See für mich alleine. Es war Montag, 5.00 Uhr morgens, als ich mit Fahrrad und Anhänger an meinem Angelplatz ankam. Nebel lag ganz dicht über dem See, so dicht, dass man das Wasser kaum sehen konnte – ich hatte ein mulmiges Gefühl. Und wenn das Karpfenfieber nicht gewesen wäre, hätte ich wohl sofort wieder umgekehrt. Die ganze Woche wollte ich da verbringen, denn es waren Herbstferien. Von der heutigen Hightech-Ausrüstung konnte ich noch nicht einmal träumen… ich schlief am Boden auf meinem Rutenfutteral. Eine Woche später lag ich mit Fieber im Bett und hatte ziemlichen Ärger mit meiner Mum.

Marc beim Karpfenangeln

Doch die Fische, die ich gefangen hatte, waren es wert und ich war überglücklich und stolz auf meinen Erfolg. Der größte Karpfen in dieser Woche wog nicht einmal fünf Kilo…

Oktober 2009, die Zeiten haben sich geändert. Die Fische sind größer geworden und die Ausrüstung wurde immer mehr perfektioniert. Nur das Karpfenfieber hatte sich in den letzten 25 Jahren nicht geändert. Es treibt mich immer wieder voran und lässt mich viele Nächte am Wasser verbringen. Mit Schlauchboot, Motor, Echolot und GPS fahre ich über den See, um meine Montagen auf 500 Meter Entfernung auszulegen. Wenn mir das früher jemand erzählt hätte, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt! Doch was ist mit den Gewässern, an denen Boot und Futterboot verboten sind? Um ehrlich zu sein, ich habe immer versucht, solche Seen zu meiden, denn heimliche Aktionen mit dem Schlauchboot sind nicht immer gerne gesehen! Mein Tackle ist auch nie wirklich dafür ausgelegt um weit zu werfen und vom Ufer auf größere Entfernungen zu füttern. Doch in diesem Jahr musste ich mich der Herausforderung stellen. Zu groß war der Reiz und das Wissen um den Fischbestand, dass ich dieses Gewässer links liegen lassen könnte. Dank meiner französischen Freunde habe ich gelernt, meine Ruten bis über 100 Metern auszuwerfen und große Mengen Futter auf diese Entfernung präzise auszubringen.

Problem Nr. 1 – Das Loten vom Ufer!

Was mit Boot und Echolot relativ schnell erledigt ist, erfordert vom Ufer aus viel Zeit und Geduld. Eine vernünftige Kombination von Marker-Rute, Rolle und geflochtener Schnur ist erforderlich. Am besten eignen sich 3 bis 3,5 lb Ruten und große Weitwurfrollen. Die geflochtene Schnur hilft uns den Untergrund ganz genau zu ertasten. Lässt man das Blei unter Spannung absinken, so kann man gut fühlen, welche Bodenverhältnisse man hat. Auch die Montage ist sehr wichtig, um stressfrei zu arbeiten. Ich verwende nur sehr große Laufringe mit Sic-Einlage für das Blei. Hier kann die Schnur optimal gleiten. Eine große Gummiperle verhindert, dass sich der Ring am Marker festklemmt. Zwischen Laufring und Blei knote ich ein Stück dicke Monofil-Schnur (0,50 mm), die etwa doppelt so lang sein sollte, wie der Marker. Jetzt kann sich der Marker nicht so leicht im Bodenkraut fest hängen und wird beim Wurf nicht durch das Blei beschädigt. Am Blank der Rute habe ich eine Markierung mit rotem Klebeband, 50 cm vom Schnurlaufröllchen der Rolle entfernt. Verwendet man Marker mit starkem Auftrieb, lässt es sich schnell und präzise ausloten.

Problem Nr. 2 – Das Füttern vom Ufer!

Klar, Futter-Rakete und Wurfrohr funktionieren nach wie vor. Doch was, wenn man wirklich große Mengen an Pellets, Boilies, Partikel und Groundbait an den Futterplatz befördern möchte? Mit der Futter-Rakete verbringt man damit Stunden! Viel schneller geht es mit einem umgebauten Schleuderkorb, der an die Spod-Rute geknotet wird. Kräftige Ruten von 4,75 bis 5,5 lb sind hierzu erforderlich. So kann man tennisballgroße Futterballen sehr präzise und auf 100 bis 120 Metern Entfernung auswerfen. Für 50 Ballen benötigt man nicht einmal eine halbe Stunde. Es gibt solche Körbe fertig zu kaufen, doch der Fox-Mega Method-Korb, der eigentlich für eine normale Schleuder gedacht ist, funktioniert meiner Meinung nach am besten. FutterkorbAllerdings muss er für solche Zwecke etwas umgebaut werden. Zuerst entferne ich die Schleudergummis, nehme ein Stück Leadcore (1 m) und ziehe den Bleikern heraus. Ich spleiße eine Schlaufe in der sich das erste Befestigungsöhr des Korbes befindet. Jetzt wird ein Wirbel auf das Leadcore gefädelt, bevor die Zweite Schlaufe gespleißt wird. Die gespleißten Verbindungen verklebe ich zur Sicherheit mit Sekundenkleber. Damit der Abstand vom Wirbel zu beiden Enden des Korbes gleich bleibt, mache ich unter den Wirbel einen Überhandknoten, nachdem ich Korb und Wirbel in einer Flucht gespannt habe. Die Futterballen werden in den Korb gelegt und mit „voller Kraft“ abgeworfen. Durch das geringe Gewicht des Korbes löst sich die Kugel sehr schnell und mit etwas Übung fliegt sie genau ins „Ziel“! Bitte daran denken, dass entsprechend starke Schlagschnur für diese Füttermethode erforderlich ist. Ein Handschuh oder Fingerschutz bewahrt den Zeigefinger vor üblen Verletzungen.

Problem Nr. 3 – Die Futterballen!

Damit eine Futterkugel auf dem Weg zum Futterplatz nicht zerbricht, sollte sie die richtige „Härte“ haben. Ich mische kleine Halibut- und Maispellets und löse diese mit Wasser auf. Zu diesem Brei kommen Tigernüsse, Dosenmais, Hanf, Birdfood und zerbrochene Boilies. Mit Grundfutter, das nur zur Bindung dient, wird die Masse so „eingestellt“, dass man feste, tennisballgroße Kugeln formen kann. Diese dürfen nicht zu klebrig sein, da sie sonst im Schleuderkorb hängen bleiben. Um das zu vermeiden, streue ich trockenes Futter über die Ballen. Eigentlich kann man bei der Futtermischung seiner Fantasie freien Lauf lassen. Robin Red, Bait Booster, Fischmehl oder andere Zutaten – Hauptsache die Futterkugel löst sich vom Korb und zerbricht nicht auf halber Strecke. Um mir die Arbeit mit dem Wurfrohr zu sparen, knete ich in jede Kugel zwei bis drei Boilies. Für extreme Weitwürfe bereite ich alles zu Hause vor und gefriere die „Tennisbälle“ ein. Mit diesen Eiskugeln wirft man fast bis zum Horizont.

Problem Nr. 4 – Das Auswerfen der Ruten bei Nacht!

Bei Tag ist es ja kein Problem. Die Montagen werden neben dem Marker platziert und es wird kräftig gefüttert. Doch nachts ist alles etwas schwieriger. Grundsätzlich lasse ich die Marker-Rute nicht am Platz liegen. Zu leicht könnte sich ein Karpfen beim Drill darin verfangen. Was ich sonst wirklich nicht gerne mache, kommt hier zum Einsatz: Zwei Ruten auf einem Futterplatz. In Frankreich ist das sehr gut möglich, da vier Ruten erlaubt sind. Ich werfe eine Rute links und eine rechts vom Marker, sodass die Schnüre parallel zum Angelplatz laufen. Liegen beide Ruten perfekt und das Futter ist ausgebracht, hole ich den Marker ein. Nun befestige ich ein Stück Klebeband an meinen Hauptschnüren. Am besten vor den Bissanzeigern, damit bei einem Biss nichts hängen bleiben kann. Die Enden des Isolierbandes schneide ich schräg ab. Beim erneuten Auswerfen der Rute gleitet es jetzt gut durch die Ringe. So lange es hell ist, merke ich mir ganz genau, in welche Richtung die Schnüre laufen. Am anderen Ufer gibt es normalerweise immer einen Anhaltspunkt, dessen Umrisse man auch nachts einigermaßen gut sehen kann. Beangle ich einen neuen Platz, so mache ich mir eine kleine Skizze von den Bäumen oder ähnlichen „Markierungen“, auf die meine Schnüre zeigen. Muss nachts eine Rute geworfen werden, kann man sich daran orientieren und man hört sehr gut, wenn das Klebeband durch die Ringe saust. Jetzt kann die Schnur gebremst werden, damit der Wurf nicht zu weit geht. Selten arbeite ich mit dem Schnurclip der Rolle, obwohl das auch funktioniert. Doch vergisst man die Schnur auszuhängen und legt sich wieder in den Schlafsack, kann bei einem Biss die Rute verloren gehen. Außerdem habe ich immer Angst, die dünne geflochtene Schnur könnte beschädigt werden. Nach dem Werfen prüfe ich mit einer Taschenlampe, ob die Schnüre wieder parallel liegen. So kann auch bei völliger Dunkelheit sehr präzise geangelt werden.

Natürlich möchte ich nicht auf die Angelei mit Boot und sonstigen Hilfsmitteln verzichten, man geht immer den Weg des geringsten Widerstandes. Doch es ist gut, für jede Situation und für jedes Gewässer gerüstet zu sein. Und Verbote, die uns Karpfenanglern das Leben schwer machen, können mich nicht so leicht abschrecken.

Bis zum Ende des Regenbogens war es am Anfang ziemlich weit…

Tight Lines und nur die Dicken! Euer Marc

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